AVANT GARDE ODER DIE (VERGESSENE) LUST AM TEXT
Essay about Avant Garde, the Avantgarde, and the Pleasure of the Text
German, 2000 words
"(...) Im Gegensatz zu ihren geometrisch konstruierten Vorgängern, zum Beispiel der Futura, deren egozentrische Formensprache im Sinne der ideologischen Ansprüche der Neuen Sachlichkeit wenig zukunftsweisend und deshalb paradox ist (typographisch gesehen ist Funktionalität schließlich in erster Linie Lesbarkeit, und wo funktionale Klarheit als A und O gefeiert werden sollten sich kleines a und kleines o doch eigentlich entsprechend unterscheiden...) – erweist die Avant Garde ihrem Namen und dem Geist ihrer Zeit alle Ehre. Sie spielt mit dem Konzept von Gleichheit und Unterschied wie Jaques Derrida, durchbricht gewohnte Strukturen wie William S. Burroughs, führt Lettern ad absurdum wie Samuel Beckett Existenzen, bedient sich vorhandener Formen wie Marcel Duchamp Objekten und John Cage Geräuschen. Avantgarde, das ist Irritation und Entfremdung – auch typographisch.
Die bizarren Gefüge, die allein nur im Logo des Avant Garde Magazins enthalten sind, sprechen für sich: A und V und A kleben aneinander wie drei sich auf einem Konditoreitablett gegenseitig stützende Tortenstücke. Der rechte Hauptstrich des N geht eine sonderbare Liaison mit dem T ein, wird zu einem dessen sich gegenseitig kokett spiegelnden Teilen. G und A sind ein unzertrennliches Paar, das, die Arme eingehakt, scheinbar seit Jahren gemeinsam umherspaziert. Das A hängt am G, als könne es ohne es nicht sein, und es scheint fast so als hätte es tatsächlich keine eigene horizontale Linie. Das R schmiegt sich ans D, das D ans E, das I ans C und die britische Typographieplattform "Faces" bringt es auf den Punkt: "Every spare molecule of air was sucked out of the letter spacing until the logo became a dynamic block of angles, lines and curves".
Ebenen und Buchstabenzwischenräume kollabieren also, Buchstabenpaare werden zu homogenen Gefügen und zerstören so jene gewohnten Einheit der Lettern, von denen sich zu allem Überfluss auch noch viele erstaunlich ähnlich sehen, jedenfalls auf den ersten Blick. Das große G, das große C, das große O, das kleine a, o, c oder e zum Beispiel – sie alle halten sich schematisch an die gleiche geometrische Grundform. Dabei funktionieren sprachliche Zeichen doch in erster Linie auf dem Prinzip der Unterscheidlichkeit. Was Ferdinand de Saussure seinerzeit im Rahen der strukturalistischen Zeichentheorie feststellte, trifft im weiteren Sinne auch auf die Typographie zu: fehlen uns klare charakteristische Merkmale, die einen Buchstaben von anderen unterscheiden, können wir diesen nur nur schwer definieren.
Die Avant Garde kümmert das nicht. Minimal und radikal ist sie, und geprägt von einem souveränen Desinteresse. (...)"
